5 Tage Fasten

von Martina Bachor (Kommentare: 0)

Ramadan - Ein Erfahrungsbericht

5 Tage Fasten

Montag:

3:00 Uhr nachts. Mein Wecker klingelt und ich werde aus dem Schlaf gerissen. Einen Moment brauche ich um zu realisieren, dass ich jetzt essen sollte. Der erste Tag des Ramadans ist angebrochen und ich – als konfessionslose „Ungläubige“ – habe mich dazu entschieden mit den Muslimen dieser Welt zu fasten. Die Gründe dafür sind zum einen, dass ich es endlich mal schaffen möchte, mich mehr mit dem Islam auseinanderzusetzen und zum anderen möchte ich einfach verstehen, wie es sich anfühlt, nichts zu essen und zu trinken solange die Sonne scheint.

Neben meinem Bett habe ich eine Schüssel mit Haferflocken und einige Datteln stehen. Ich esse die Mahlzeit noch halb schlaftrunken und fühle mich seltsam verbunden zu allen Muslimen dieser Welt. Wie viele wohl jetzt in Tirol auch schon wach sind um zu essen? Ich höre mir ein Morgengebet an, weil ich noch keine Ahnung habe wie man betet. Dann schlafe ich wieder ein.

Zwei Stunden später klingelt mein richtiger Wecker und ich stehe auf. Seltsam ist es schon jetzt nichts mehr essen und trinken zu können. Vieles ist Routine. Während ich ins Bad gehe versuche ich rauszufinden, ob ich mir die Zähne putzen kann. Ich komme zu dem Schluss, dass ich sie putzen werde und sitze mich anschließend an meinen Schminktisch. Ich behalte im Kopf nicht zu übertreiben und gebe nur etwas Concealer und Mascara auf mein Gesicht. Dann mache ich mich auf den Weg in die Arbeit. Während der vier Stunden denke ich die meiste Zeit über den Ramadan nach- nicht so sehr über das Essen, sondern um die vielen anderen Regeln im Islam, die mir teilweise gänzlich unbekannt sind. Ein paar Mal ertappe ich mich beim Gedanken daran, ein Glas Wasser holen zu wollen, doch ich habe es ziemlich gut unter Kontrolle. Nach dem ich nach Hause gefahren bin verbringe ich die Mittagszeit, die ich normalerweise immer mit Essen verbringe, mit Arbeit am Computer. Nach einigen Stunden, in denen ich eine Arbeit vervollständigt habe, habe ich das Gefühl mich zu wenig mit dem Islam zu beschäftigen und höre mir den Koran an während ich aufräume. Dann gehe ich einkaufen und bin überrascht, dass ich genauso einkaufe wie immer. Man sagt ja, man sollte nicht mit leeren Magen einkaufen gehen. Immer wieder spüre ich meinen Magen grummeln, aber das ist locker auszuhalten. Nur der Durst ist es, der mir ein klein wenig zu schaffen macht. Leichte Kopfschmerzen stellen sich ein, doch es ist weiterhin gut möglich zu fasten. Gegen 19 Uhr wird mein Hals etwas trockener. Ich höre mir weiter den Koran an und suche im Internet nach alltäglichen Dingen in Verbindung mit dem Ramadan. Ich habe das Gefühl über jede kleine Handlung nachdenken zu müssen. Um 20:30 Uhr, nachdem ich geduscht habe, stelle ich einen Topf mir Kartoffel-Linsen Suppe auf. Während meine Schwester sich selbst essen kocht, warte ich bis die Sonne untergeht. Um 21:15 Uhr greife ich nach einem Glas Wasser und einer Dattel um das Fasten zu brechen. Langsam und bedächtig trinke ich Schluck für Schluck. Dann schöpfe ich mir etwas von der Suppe in eine Schüssel. Ich genieße jeden Bissen und esse langsam und bedächtig. Nach zwei Schalen beschließe ich, dass das genug war und trinke drei weitere Gläser Wasser. Nachdem ich mich umgezogen habe und meine Zähne geputzt habe, bereite ich mein Frühstück- das sogenannten Sahūr- zu.

 

Dienstag:

Um 3:00 Uhr klingelt wieder mein Wecker und es fällt mir schon wesentlich leichter gleich etwas zu essen. Ich löffle meine Schale mit Haferflocken- eine normale Portion- nachdem ich den ersten Tag so gut überstanden hatte, war meine Angst zu verhungern maßgeblich geschrumpft. Ich hatte kurz vor dem Schlafen noch gelesen, der Islam würde verbieten auf dem Bauch zu schlafen, was dazu führte, dass ich versuchte in einer anderen Position einzuschlafen. Der weniger aufgeblähte Bauch machte das Ganze wesentlich einfacher. Nach dem ich Sahūr zu mir genommen habe, schlafe ich wieder ein. Ich weiß, dass ich als gläubige Muslima beten müsste, doch irgendwie scheint mir das noch ein unüberwindbares Hindernis. Nach zwei Stunden Schlaf stehe ich auf und gehe zur Arbeit. Nachdem ich wieder zuhause bin, ergreift mich die Müdigkeit und ich beschließe ein kurzes Nickerchen zu machen. Es ist furchtbar warm draußen, was ich eigentlich mag, doch in die Sonne gehen ist keine gute Idee, da zu hoher Flüssigkeitsverlust droht. Trotzdem gehe ich schnell ein paar Kleinigkeiten besorgen und mache zuhause eine Audioversion des Korans an, während ich Dinge im Haushalt erledige. Später sehe ich mir Videos und Diskussionen über den Islam an. Manche Menschen begeistern mich und andere kann ich nicht verstehen. Ich habe das Gefühl es gibt sehr viele Vorurteile über den Islam. Vor allem vor IS scheint jeder Angst zu haben und viele nicht Muslime verknüpfen IS mit dem Islam und setzen es gleich. Im Internet finde ich viele Foren mit Fragen zum Islam und zu Ramadan doch es ist schwierig herauszufiltern was der Wahrheit entspricht.

Ramadan ist eine der fünf Säulen des Islams und somit Pflicht für jeden Moslem und jede Muslima. Es ist der Monat, an dem Allah Mohammed den Koran geschickt hat- am 27 Tag dieses Monats.

Nachdem ich den Abend mit Recherche verbracht habe geht auch schon die Sonne unter. Ich wärme mir das restliche Essen vom Vortag auf und breche mein Fasten mit demselben Ritual wie am Tag davor- ein Glas Wasser und eine Dattel. Nach dem Essen bin ich müde und lege mich- nachdem ich Sahūr vorbereitet habe ins Bett.

 

Mittwoch:

Ich wache schon eine viertel Stunde vor dem Wecker auf und beschieße gleich meine Mahlzeit einzunehmen. Das Wasser war noch ziemlich kalt was mein Magen mit einem leichten ziehen bemerkbar machte. Danach falle ich wieder in unruhigen Schlaf. Nach dem Arbeiten lege ich mich etwas hin, der Schlafmangel, der durch das nächtliche Essen entsteht macht sich bemerkbar. Meine frühen Arbeitszeiten tun ihr übriges. Nachdem ich ein kurzes Nickerchen gemacht habe, arbeite ich einige Sachen aus. Ich habe mich schon so sehr an das Fasten gewöhnt, dass es mir kaum auffällt. Das beten klappt immer noch nicht, doch der Großteil der anderen mir bekannten Regeln fallen mir sehr leicht einzuhalten. Enthaltsamkeit oder kein Alkohol zu trinken sind zwei dieser Punkte. Da ich sowieso schon vor Monaten den Alkohol aufgegeben habe verschwende ich gar keinen Gedanken darauf. Die Enthaltsamkeit ist genauso leicht, jedoch ist es im Islam wie im Christentum so, dass man angehalten ist erst nach der Ehe Geschlechtsverkehr zu haben.

Muslime essen bekanntermaßen auch kein Schweinefleisch, da dies von ihnen als unrein betrachtet wird, da ich jedoch sowieso kein Fleisch esse muss ich mir darum keine Sorgen machen. Ich beginne zu recherchieren, ob es überhaupt mit dem Islam zu vereinbaren ist, kein Fleisch und andere Lebensmittel zu essen. Ich komme zu dem Schluss, dass man keine eindeutige Antwort finden kann. Am späteren Nachmittag fahre ich in die Stadt um eine Freundin abzuholen, während sie etwas isst und trinkt kann ich nur daneben sitzen. Sie schaut mich mit einem mitleidigen Blick an und ich versuche ihr zu versichern, dass es schon okay sei. Als wir beim Vereinstreffen sind, ist es schon etwas schwieriger dem Kellner zu verstehen zu geben, dass ich tatsächlich nichts möchte. Ich bin froh als das Treffen um kurz nach 21 Uhr beendet ist und ich mich auf den Weg machen kann um zuhause eine Mahlzeit einzunehmen. Als ich zuhause bin sagt mir mein Verstand ganz eindeutig, dass ich etwas essen müsste, gleichzeitig habe ich gar nicht so großen Hunger. Trotzdem mache ich mir einen Salat und Kartoffeln im Ofen.

 

Donnerstag:

Als um 3 Uhr mein Wecker klingelt bin ich es schon fast gewöhnt und ich löffle meine Schale Haferflocken als wäre es das Normalste auf der Welt. Nachdem ich wieder etwas geschlafen habe mache ich mich auf dem Weg in die Arbeit. Mir fällt auf wie fokussiert ich bin und dass mein Geist richtig wach und konzentriert ist obwohl ich richtig müde bin. Nach der Arbeit mache ich noch ein paar Besorgungen und gehe nach Hause. Obwohl ich immer noch müde bin mache ich mich an die Arbeit und bin überrasche wie viel ich schaffe- ich habe mir erwartet unkonzentriert zu sein und viele Fehler zu machen, doch nichts von dem ist der Fall. Gegen Abend treffe ich mich mit Freunden in einem Café. Ich muss mich erklären, wieso ich nicht mal ein Mineralwasser bestelle und obwohl es eine komische Situation für meine Freunde ist, wird es hingenommen. Ich bin froh, dass meine Freunde so offen sind und mich nicht aufgrund meines Selbstversuchs verurteilen. Ich denke mir, dass der Kellner sich bestimmt wundert wieso ich nichts trinke, doch versuche mich nicht zu sehr auf diesen Gedanken einzulassen. Gegen 21 Uhr gehe ich nach Hause und koche in aller Seelenruhe meinen Eintopf während ich einige Minuten nach viertel nach neun mein erstes Glas Wasser trinke. Erschöpft gehe ich ins Bett.

 

Freitag:

Als mein Wecker um 3 Uhr klingelt bin ich einen Moment furchtbar verwirrt und denke ich muss bereits aufstehen und arbeiten gehen. Als ich realisiere, dass ich nur essen muss bin ich erleichtert, doch die Müdigkeit lässt es kaum zu, dass ich meine Haferflocken löffle und ich bin froh als meine Schüssel und meine Wasserflasche endlich geleert sind. Zwei Stunden später bin ich immer noch hundemüde und schleppe mich auf die Arbeit. Gott sei Dank ist Freitag, denke ich bei mir. Nachdem ich meine Arbeitszeit überstanden, und einige notwendige Arbeiten erledigt habe, lege ich mich für eine Stunde ins Bett. Ich bin richtig erschöpft und froh, dass auf 5 Tage arbeiten auch zwei Tage Wochenende folgen. Obwohl ich immer noch sehr daran interessiert bin mich mehr mit dem Islam zu beschäftigen, lässt mein Alltag es nicht zu. Um 16 Uhr verlasse ich das Haus: Sport steht auf dem Programm. Ich denke, dass es schon klappen muss zum Sport zu gehen, schließlich hat eine Freundin auch erzählt sie würde während des Fastens zum Sport gehen. Trotzdem bin ich unsicher. Beim Sport komm ich aus dem Grinsen nicht mehr heraus: endlich wieder Bewegung und es klappt erstaunlich gut. Grundsätzlich habe ich beobachten können, dass es einfacher wird, je mehr Zeit von der letzten Mahlzeit vergangen ist. Das macht zwar eigentlich keinen Sinn, vielleicht hat es auch damit zu tun, dass ich am Vormittag im Gegensatz zum Nachmittag ständig mit Essen und Trinken konfrontiert bin, doch je näher das „Fastenbrechen“ (Iftar) rückt, desto schwächer ist das Verlangen nach Essen und Trinken. Nach dem Sport mache ich mich auf dem Weg in die Stadt. Da ich wusste, dass ich nicht zum Sonnenuntergang zuhause sein werde, habe ich mir in weiser Voraussicht Haferflocken und Obst eingepackt. Nachdem die Sonne untergegangen ist nehme ich mit einem Freund, der auch fastet ein paar Datteln zu mir. Es ist schön gemeinsam das Fasten zu brechen, auch wenn es kein sinnliches beisammensitzen ist, sondern passiert, während wir zum Auto laufen. Werde ich weiter fasten? Ja- ich weiß allerdings noch nicht wie lange. Es ist ein Experiment und es ist interessant und ich fände es zu früh es jetzt schon abzubrechen. Ich habe so viel gelernt in diesen Tagen. Zum einen habe ich gemerkt, wie einfach es ist sich selbst zu kontrollieren, zum anderen habe ich auch den Islam besser kennengelernt. Ich habe so viel mehr Zeit und ich freue mich mein Experiment weiterführen zu können.

 

Text: Martina Bachor

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